Ein grünes Feld

By 20. August 2015 November 1st, 2017 Unkategorisiert

Neuer Artikel über Richter Rasen im Wirtschaftsblatt vom 31.07.2015

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Wo Messi und Co. zaubern, wird ein österreichisch-slowakisches Produkt mit Füßen getreten: Ein Unternehmen aus Deutsch Brodersdorf produziert Rasen für die Stadien der Welt.

ZÁVOD. Sattes Grün so weit das Auge reicht. Die Sonne strahlt auf den Rasen herab, der sich wunderbar geschmeidig unter den Sohlen ausmacht. Am Horizont ziehen bedrohlich regenschwangere Wolken auf. „Genau richtig“, schwärmt Philipp Götz. Sonne, Regen, Sonne, Regen. Perfekt für den Rasen. Im Frühjahr und im Herbst wachse er am besten, sagt der Produktionsleiter der Firma Richter Rasen.

Wir stehen auf dem Rasen, der für so manch einen die Welt bedeutet. Nicht unbedingt hier, im Städtchen Z´avod, eine Stunde mit dem Zug von Bratislava entfernt. Aber an seinem Bestimmungsort: den Stadien der Welt. Vielleicht verharren wir ja gerade genau auf jenem Quadratmeter, von dem aus Neymar kurz darauf den Ball quer in den Strafraum zu Iniesta legt, der ihn mit einer kurzen Berührung des rechten Außenrists weiterstreichelt, auf den linken Fuß von Rakitic, der ihn an Buffon vorbei ins Netz bugsiert. Champions-League-Finale 2015. Es waren noch keine vier Minuten gespielt, als das 1:0 für den FC Barcelona gegen Juventus Turin fiel. Der Finalort Berlin zeigte sich von seiner schönsten Seite, und mit ihm der Rasen im Berliner Olympiastadion. Er kam aus Z´avod.

Einen Monat zuvor steht Philipp Götz auf der Wiese und weist auf ein Wäldchen in der Weite. Bis dort reichen die Felder der Firma. Auf etwa 250 Hektar wird für Gärten und Sport produziert. Daneben liegt der Bahnhof von Z´avod, ein Kleinod für Ostblock-Nostalgiker. Hier hat sich seit Jahrzehnten nichts verändert. Auf den Fensterbänken des Warteraums stehen schlecht gegossene Grünpflanzen, und der Fahrplan klebt auf drehbaren Rollwalzen. Ganz ähnlich muss man es sich vorstellen, wenn von hier aus der Fußballrasen in Rollen von 1,20 Breite und bis zu 14 Metern Länge per Bahn, aber vor allem auf der Straße in die Stadien transportiert wird-sogar schon einmal bis nach Kasachstan. Etwa 25 Kühl-LKW werden für den Belag eines Fußballplatzes benötigt.

Slowakischer Sandboden

Das sympathisch verschlafene Z´avod will nicht so ganz zum Glanz eines CL-Finals in Berlin oder der sowjetischen Wucht des kasachischen Zentralstadions von Almaty passen. Aber der Quarzsandboden hier sei einfach der beste Untergrund, erklärt Götz. Er leitet die slowakische Produktionsstätte, ihren Hauptsitz hat Richter Rasen aber in Österreich, in Deutsch Brodersdorf im Bezirk Baden. Seit 1906 produziert die Firma bereits Naturrasen. Alexander Richter, der das Familienunternehmen in vierter Generation leitet, witzelt: „Mein Urgroßvater war praktisch der Greenkeeper von Kaiser Franz Josef.“

Österreichisches Know-how, slowakischer Sandboden und etwa 40 Mitarbeiter haben schon das CL-Finale 2008 in Moskau und drei ukrainische EM-Stadien 2012 mit Rasen ausgestattet. Die Spielfläche der Donbass-Arena zu Donezk sei trotz Granatentreffern auf den Tribünen noch unversehrt, habe man Richter versichert. Im Ernst-Happel-Stadion im Wiener Prater liegt ihr Rasen nun bereits seit zehn Jahren und wurde von den Spielern zum besten der Liga gekürt. Auch bei der Austria rollt das runde Leder über Halme aus Z´avod, und sogar die luxuriösen Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule durften schon auf Richters Rasen grasen. Im Land des Weltmeisters spielt derzeit Schalke 04 darauf, Freiburg ist auf frischem Belag vom März abgestiegen, Hertha BSC konnte das gerade so verhindern.

Am liebsten allerdings liefere das Team nach Italien, schwärmt Richter, denn da werde das neue Geläuf immer euphorisch gefeiert und mit Champagner be-und gegossen. Was mit den fünf Spielfeldern passiert ist, die man vor Kriegsausbruch in Syrien verlegt habe, weiß der 51-Jährige nicht: „Fußballplätze-das sollten doch eigentlich die Orte sein, wo man heutzutage Schlachten stellvertretend austrägt.“ Ein weites Feld.

Ein anderes weites Feld sind die Gräser. Nicht jede Pflanze hält den Belastungen des Stadionklimas und Spielbetriebs stand. Rasenhersteller haben deshalb ihr Geheimrezept, eine Mischung aus verschiedenen Grassorten. „Wie Stephen Hawking sich in das Sonnensystem hineindenkt“, philosophiert Geschäftsführer Richter, „muss man sich in das Funktionsgeflecht eines Rasens hineindenken.“ Dann wird es technisch: sandreiche Rasentrag-und Drainageschichten, Rasensoden und Hutweide, 80 Prozent Poa Pratensis plus 20 Prozent Lolium Perenne, Schnitthöhe 26 mm und pannonisches Klima, DIN 18035 und Ö-NORM 2606-1. Die AG Rasen des Deutschen Fußball-Bunds hat dem Produkt aus Z´avod höchste Qualität bescheinigt. Richter: „Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, auf Kunststoffboden zu laufen!“

Pfusch der Konkurrenz

Eines macht den Rasen-Richter richtig rasend: der Pfusch der Konkurrenz. In Dortmund zum Beispiel habe der Belag einmal bereits nach drei Spielen ausgewechselt werden müssen. Es sei selbst schuld, wer Abermillionen in den Stadionbau stecke, für das Wichtigste, das grüne Rechteck in der Mitte, dann aber kein Geld mehr übrig habe. Preise sind zwar Geschäftsgeheimnis, aber mit allen Serviceleistungen liege ein neuer Stadionrasen bei 100.000 bis 150.000 €,sagt man uns beim Berliner Olympiastadion.

Die Richters aus Niederösterreich pflegen nicht nur ihren Rasen, sondern seit 20 Jahren auch rege Geschäftsbeziehungen nach Russland, dem WM-Gastgeber 2018. Möglich, dass auch hier auf Rasen aus Z´avod und Erfahrung aus Deutsch Brodersdorf gekickt wird? Auch das ist vorerst Geschäftsgeheimnis. In einem Punkt werden wir dann noch aufgeklärt: Der Rasen, auf dem in Berlin das CL-Finale ausgetragen wurde, liegt schon seit März dort. Also doch keinen Neymar unter den Sohlen gehabt beim Besuch in Z´avod.

(WirtschaftsBlatt, Print-Ausgabe, 2015-07-31)